Zabriskie Rewind 2019


Alice Cannava
Publisher, Editor and Researcher (Occulto Magazine)


Das Insektenbuch
, Maria Sibylla Merian, 1991 Insel Verlag

Possibly the ultimate masterpiece of scientific illustration, in a small but beautiful German edition. Maria Sibylla Merian’s texts and artworks are one of the first accurate documentations of the insect life cycle and process of metamorphosis – in her time (1647-1717) it was still believed, with Aristotle, that many insects generated spontaneously from dirt. At the age of 52, Merian, based in the Netherlands since 1690, traveled to Dutch Surinam, where she made the observations that went into this book. The 300th anniversary of Merian’s death in 2017 was an occasion to celebrate her work in several countries, including Germany, where she was born (and where I live).

Che Spavento / Oh Schreck!, Luca Di Battista, 2016 RI Raum Italic

I became a mamma in March 2018, so my books of the year are mostly children’s books. A4 format and a minimal color palette (silver grey, black, white and chalk pink) on uncoated paper are not typical features of printed matters for little babies, yet my daughter loved Che Spavento since she was just about four months old, and we have read it pretty much every day since. I won’t spoil things with a fastidious description of the artwork – expect a mix of techniques including some frottage. As for the story: the pink squirrel Biagio lives in a community of fellow squirrels – the sort of squirrels who play chess and go canoeing. Biagio is a creature of habit, an avid reader, a pipe smoker and a little bit of a misanthrope. Till one day …

Les Extravagants – ci sorprendono sempre / nous amusent toujours / they still entertain us, Aurelia Alcaïs, 2018 Corraini Edizioni

This is another children’s book, I suppose, as it is published by Corraini, but really it can be enjoyed at any age. Each spread consists of a funny short text on the left and a delicate pen and pastels illustration on the right, both portraying a somewhat ‘extravagant’ famous character – the arbitraryselection of forty-six includes Josephine Baker, Diogenes, Camille Claudel, Immanuel Kant, Pina Bausch, Leonardo da Vinci, Elsa Schiaparelli. As simple as that.

After Man – A Zoology of the Future, Dougal Dixon, 2018 Breakdown Press

The ‘bible’ of speculative evolution. I discovered it in 2015 when Massimo Sandal wrote about it for Occulto, but in 2018 this facsimile reproduction of the 1981 first edition (featuring some changes by the author) came out, so I finally have my own copy and was able to spend some more time with it. The book imagines, describes and illustrates the animals of a hypothetical future set 50 million years from now, where, as the title suggests, humans – and most of the animal life as we know it – is extinct. It is a fantastic yet rational what-if game that tells us a lot about how evolution actually works.

Maigret e il corpo senza testa, Georges Simenon, 2005 Adelphi Edizioni

My favorite Maigret crime novels are among my books of the year every year. If you like good fiction, you must read Simenon. A reminder for the German-speaking world: fiction is supposed to contain dialogue! And a word of warning: Maigret may ruin British whodunnit for you.

La luna e i falò, Cesare Pavese, 1999 Einaudi

In 2018 I reread three classics of modern Italian literature written during or shortly after World War II. The authors, all antifascists, each felt the urge to write their “war book”. Calvino’s Il sentiero dei nidi di ragno (The Path to the Nest of Spiders) and Vittorini’s Uomini e no (Men and Not Men) are both largely based on personal experience as active partisans. Pavese’s La luna e i falò is staged a couple of years after 1945, in a small Piedmont village, and its flashbacks bring us not only back to wartime but also to the youth of the protagonist. A dark, gruesome, breath-taking short book that exposes the scars left by war, social inequality and personal desperation.

Christine Handte
Expeditionsleiterin des Forschungsschiffs Heraclitus


Wenn es Krieg gibt gehen wir in die Wüste,
Henno Martin, Two Books 2008
Zwei Geologen hauen vor Krieg und Nazis ab in die Namibische Wüste und überleben dort 2 Jahre lang, von der Außenwelt völlig abgeschnitten.

are we human? – notes on an archeology of design, Beatriz Colomina & Mark Wigley, Lars Müller Publishers 2019
Abhandlung über Mensch und Design und wie Design unser Wesen formt.

Silence in the Age of Noise, Erling Kagge, Penguin 2019
Gedanken eines Extremabenteurers zum Leben.

The Sea, a cultural history, John Mack, Reaktion Books 2013
Schrift über das Meer.

The Word for World is Still Forest, Anna-Sophie Springer & Etienne Turpin (eds.), K. Verlag 2017
Die Welt von Wald und Bäumen.


Andreas Weber
Philosoph und Autor


Animism. Respecting the Living World,
Graham Harvey, C. Hurst, 2017
Der wichtigste Satz steht ganz am Anfang (sogar zweimal, am Anfang der ursprünglichen Einleitung und der zur Neuauflage: Animismus heißt, in einer Welt zu leben, die nicht von Dingen bevölkert ist, sondern von Personen. Man könnte auch sagen: Von Verwandten. Naum-Verwandte, Eichhörnchen-Verwandte, Stein-Verwandte, Wolken-Verwandte, verwandte und weit entfernte Berge. In einer solchen Welt – und es ist die Welt nach jener, deren Untergang wir gerade erleben, die der vom Menschen abgetrennten toten Dinge – ist jeder Atemzug das Erkanntsein in einer innigen Zugehörigkeit.

Das terrestrische Manifest, Bruno Latour, Suhrkamp, 2017
Latour erkannte schon in seinem Klassiker Wir sind nie modern gewesen (1995 auf Deutsch), dass die Gegenüberstellung von vorgeblichen Sachen und den vorgeblich allein zur Subjektivität fähigen Menschen eine Chimäre ist. Er läutete eigenhändig das Ende des Dualismus ein – und wurde so zum Propheten des Anthropozän. Darin ist er konsequent geblieben, das zeigt dieses Buches. Auf wenigen Seiten liest man darin eine scharfsinnige Analyse, wie sehr unsere immer noch bestimmende Sicht die Wirklichkeit erst verstellte und nun zerstört. Wie konnte die allem Beseelten abholde Linke nicht begreifen, dass sie im Kampf gegen die “Umweltzerstörung” die entscheidenden politischen Alliierten selbst verstoßen hat – nämlich die Subjekte der lebenden und nach Fülle strebenden Natur?

For Love of Matter: A Contemporary Panpsychism, Freya Mathews, State University of New York Press, 2003
Das beste Buch zum neue philosophische Würde gewinnenden “Panpsychismus” – der Haltung, dass diese Welt nicht nur aus Stoff besteht, sondern dass dieser Stoff zugleich eine seelische Realität ist. Mathews entfaltet, argumentiert, beweist – in der Grandeur klassischer Philosophie. Und darin ist ihre Idee vollkommen revolutionär. Aus meiner Sicht fundierter und auch existentieller als Philip Goffs neues Buch zum gleichen Thema (Galileo’s Error, 2019), das sich sehr der Neurophilosophie verschreibt. Mathews Buch wird einmal als einer der großen Klassiker gelten, darauf wette ich.

The Smell of Rain on Dust: Grief and Praise, Martín Prechtel, North Atlantic Books, 2015
Was wir in unserem abendländischen Bild der Indigenen kaum wahrnehmen ist die zentrale Rolle des Fühlens in ihrem Leben. Anders als hier, wo die “Rationalität” der letzte Maßstab ist (also die Haltung der anderen, nicht die eigene), gehört dort zu den Tugenden, sich selbst zu zeigen und das, was da ist, zur Sprache kommen zu lassen. Trauer um einen Verlust muss nicht “hinter sich gebracht” werden, sondern darf, soll ihren Raum haben, und so wird das Traurige zu einem Akt des Seins, der Bejahung, des Preisens derer, um die wir trauern. Die Erde brauchtedas Wasser unserer Tränen, um fruchtbar bleiben zu können, schreibt Prechtel.

The Living Mountain, Nan Shepherd, Canongate 2014
Das Buch, das Robert MacFarlane Dutzende Male gelesen hat und das ihn immer wieder zum Schwärmen bringt, ist eine Übung in Hiersein: Hinsehen, Zuhören, Wahrnehmen, die Haut spüren, die eigene und die des Steins, der Heide, der Bäche, um dann festzustellen, mit leisem Erstaunen und einem wachsenden Glück (das in seinem Wachstum immer stiller wird), das beide, die eigene Haut und die des Steins, die gleiche sind.

For Love of the Real. A Story of Life’s Mystical Secret, Lewellyn Vaughan-Lee, Golden Sufi Center 2015
Der Sufi, Meditationslehrer und Mystiker Vaughan-Lee schreibt an einer modernen Geschichte des Göttlichen in der Welt, die er ganz in der Tradition der Mystiker als einen Liebesprozess versteht, an dem wir immer wieder teilhaben und der sich uns in den besten Momenten erschließt. Ohne Pomp und ohne Strenge, aber mit einem für die unzähligen Manifestationen des Liebens offenen Sinn geschrieben, ist das Buch ein modernes mystisches Zeugnis, und darum auch ein Führer für diese gegenwärtigen Zeiten des Wandels, des Vergehens und des Sich-neu-Ordnens aus der Stille.

Jutta Person
Journalistin und Autorin


Robinson Crusoe, Daniel Defoe, aus dem Englischen von Rudolf Mast, Mareverlag 2019
Daniel Defoes dreihundert Jahre alter Bestseller wurde letztes Jahr neu übersetzt, und das war eine perfekte Gelegenheit, meine Robinson-Crusoe-Phantasien, die auf dem kindlichen Lektürelevel der frühen Achtzigerjahre stehengeblieben waren, nochmal in neuem Licht zu betrachten. Wenn man nämlich die ungekürzte (und nicht zum Kinderbuch mutierte) Fassung von 1719 liest, entdeckt man einen literaturgeschichtlichen Meilenstein, der die hellen und düsteren Seiten der frühen Aufklärung zum Vorschein bringt. Zuallererst zeigt sich, dass es über zweihundert Seiten und viele Jahre dauert, bis der Fußabdruck eines anderen Menschen im Sand auftaucht – bis dahin beschreibt Robinson seine ziemlich unabenteuerliche Do-it-yourself-Routine. Mit den vom Wrack geretteten Geräten wiederholt er den Zivilisationsprozess: selbst getöpferte Krüge, selbst geflochtene Körbe, selbst gezimmerte Tische, selbst gezähmte Ziegen. Es gibt nichts, was man nicht lernen könnte, behauptet der Aufklärer, der auch etwas Buchhalterisches hat, wie Günther Wessel im Nachwort schreibt: „Da sitzt ein gerade dem Tod Entronnener, und der Autor lässt ihn nach bester britischer Kaufmannsart Bilanz ziehen.“ Vermutlich fand ich als Kind genau diese Survivaltechnik des Alles-selber-Machens so toll (und weniger das Buchhalterische, hoffe ich). Rudolf Masts Übersetzung liest sich sehr angenehm: entstaubt, aber auch nicht forciert modern, lässt sie dem Erzähler die grammatikalisch verschlungenen Gedankenlabyrinthe, die manchmal auch ein bisschen Leseausdauer brauchen. Beim Wiederlesen erschließt sich die Gedankenwelt des frühen 18. Jahrhunderts – der Pragmatismus bei gleichzeitigem Vertrauen auf die göttliche Vorsehung, die Kolonisierung und Unterwerfung der Insel und der „Wilden“, die Robinson vor eine ganze Reihe moralischer Probleme stellen. Grausam sind für ihn immer nur die anderen, die spanischen Konquistadoren etwa. Hier will ein frühbürgerliches Ich zum guten Herrscher werden, mit Vernunft und Schießpulver.

The Artificial Kingdom. A Treasury of the Kitsch Experience, Celeste Olalquiaga, Bloomsbury 1999
Dieses Buch war für mich eine Offenbarung, und ich habe nie verstanden, warum es nicht auch auf Deutsch erschienen ist. Die venezolanischstämmige Kulturhistorikerin Celeste Olalquiaga hat auch eine spanische Version herausgebracht, und es gibt eine Übersetzung ins Französische. Ich habe „The Artificial Kingdom“ 2018 und 2019 (nach einer halb vergessenen Uni-Lektüre in den späten 90er Jahren) nochmal sehr genau gelesen, weil es hier immer wieder auch um die Kulturgeschichte der Korallen geht. Vor allem aber versucht Olalquiaga eine bestimmte Art der Verlusterfahrung, die im 19. Jahrhundert anfängt, entlang der „Kitsch Experience“ zu fassen. Das Untergegangene, Entlegene, tief auf dem Meeresboden Schlummernde, ins Aquarium Gebannte, Petrifizierte, Gläserne oder in Kristallkugeln Eingefangene erfährt deshalb eine so große Aufmerksamkeit in diesem Buch. Celeste Olalquiaga selbst beginnt mit einem Einsiedlerkrebs, der auf ewig in einer Kristallkugel gebannt ist und von ihr auf den Namen Rodney getauft wird. „In Rodney’s eyes I have been able to gaze into myself as never before“, schreibt sie am Ende ihrer Untersuchungen über Melancholie und Nostalgie. Ein kluges und originelles, auf nicht-ätzende Weise ironisches und eben auch einfühlsames Buch, das die moderne seelische Unterwelt neu erfasst.

Das Buch vom Schleim, Susanne Wedlich, Matthes & Seitz Berlin 2019
Susanne Wedlich untersucht eine Substanz, ohne die, philosophisch gesehen, eigentlich gar nichts geht: Man muss nur an den Urschleim denken, aus dessen winzigen Entitäten Naturphilosophen wie Lorenz Oken im frühen 19. Jahrhunderts das „Etwas“ aus dem „Nichts“ entstehen sehen. Auch in der Geschichte der Evolutionstheorie war der Schleim dann entscheidend, von Thomas Henry Huxley bis zu Ernst Haeckel. Aber Schleim ist natürlich auch aus heutiger Warte physikalisch, mikrobiologisch oder umwelttheoretisch hochgradig spannend, wie Susanne Wedlich mit verschiedenen Ausflügen in diese Wissenszonen klarmacht. Und vor allem ist Schleim eben auch ein wunderbarer Faszination-und-Ekel-Hybrid, von Patricia Highsmiths Begeisterung für Schnecken bis zu ikonischen Horrorfilmen wie „Alien“. Ob Ektoplasma, Schneckenschleimspuren, Hydrogele, Protoplasma – dieses Buch lässt Schleime aller Art noch magischer glibbern.

Lisa Paetow, Polly Roberts, Sophia Klink,
Katie Harrison, Derek Niemann
New Nature Writing Scholars


Findings, Kathleen Jamie, Sort Of Books 2005 (chosen by Lisa Paetow)
Between the laundry and the fetching kids from school, that’s how birds enter my life. I listen. During a lull in the traffic: oyster-catchers…“ Kathleen Jamie is not the kind of nature writer to conquer spectacular scenery from the top of the highest mountain. She pays attention in everyday life: to birds, to fish, to skylines, to the human body. In a precise, yet poetic style of writing her essays delicately connect art, science and history. Reading Jamie taught me to be aware, even if I do something dull like riding the train. Now I notice the birches and the spruces, the buzzards and the deer accompanying my travels. Long story short: 5/5 stars. Would recommend.

Unsheltered, Barbara Kingsolver, HarperCollins 2018 (chosen by Polly Roberts)
This is yet another brilliant depiction by Kingsolver of some of the troubles we face in today’s environmental and political climate, once again laced with a much needed sense of hope. Her, as ever, strong and empathic female characters educate as well as entertain us in her usual incredibly readable and sensitive prose.

Pilger am Tinker Creek, Annie Dillard, Matthes & Seitz Berlin 2016 (ausgewählt von Sophia Klink)
Wenn du dich regungslos an ein Ufer hockst, um ein zitterndes Kräuseln auf dem Wasser zu beobachten.“ Ein Jahr lang durchstreift Annie Dillard die Wälder der Appalachen. Sie setzt sich neben Giftschlangen, staunt über die Amöben in einem Wassertropfen, stellt Spottdrosseln nach. Sie malt sich aus, wie „Neutrinos durch die Federn und Herz und Lunge wandern“, verwandelt die Spottdrossel evolutiv zurück in eine Eidechse. Immer wieder schlage ich dieses Buch auf und lese nur einen Satz. Sofort bin ich hellwach, sitze am Ufer und staune über dieses sprachliche Feuerwerk. Ich sehe die Spottdrossel, das zitternde Kräuseln auf dem Wasser. „Was du siehst, ist dein Geschenk.“

A Final Companion To Books From The Simpsons, Olivier Lebrun, Rollo Books 2018 (chosen by Katie Harrison)
I first peeped this banana-coloured-awkwardly-titled-tome in Zabriskie and have since spotted it in equally wonderful bookshops around the world, including the magnificent Waanders in de Broeren. It has lived by my bedside and been a friend to me often. To sit down at 6 pm with tea and toast to watch the Simpsons is a pleasure, to flick through a book of books in the Simpsons at any time you fancy is, well, pure bliss. In these turbulent times, I urge us all to own this book.

Dark Tales, Shirley Jackson, Penguin 2016 (chosen by Katie Harrison)
She writes not with a pen but with a broomstick’ is quoted on the front cover of this brilliantly ghastly book which kept me spooked for much of 2019. In fact, there is a tale called, The Man in the Woods I am too terrified to read! These short stories are creepy because they are normal. She twists the everyday and turns it into something horrendous, like simply getting off a bus at the wrong stop. What’s the worst that could happen? When I discovered Jackson was a prolific female horror writer I was intrigued, when I discovered she died unexpectedly in her sleep at only 48, I was hooked.

Underland, Robert Macfarlane, Hamish Hamilton 2019 (chosen by Derek Niemann)
There are times when I read a book and feel a guilty pleasure in thinking: I’m glad this is not happening to me. Macfarlane lives a dual life of a quiet academic and an intrepid, fearless explorer and some of his journeys into the subterranean worlds of the earth are nothing short of terrifying. As he writes of descending in snow blizzards into Arctic sea caves, climbing Greenland glaciers and crawling through the narrowest and darkest of Mediterranean tunnels, I am very happy to allow his vivid writing to bring them to life for me, while I curl up with a drink and a big cushion.

The Frayed Atlantic Edge: a historian’s journey from Shetland to the Channel, David Gange, William Collins 2019 (chosen by Derek Niemann)
There are no half-measures for the author, who kayaks around the raw western coasts of the British Isles. It’s an illuminating mixture of wildlife, geology, history and culture – a fresh perspective on the coasts, islands and their peoples past and present. And one character dominates this epic tale – the sea in all its moods and characters.

Petra Ahne
Journalistin und Autorin


The Human Planet. How we created the Anthropocene, Simon L. Lewis, Mark A. Maslin, Pelican Books 2018
Dieses Buch schafft, was dem Begriff „Anthropozän“ im besten Fall auch gelingt: einen Perspektivwechsel, ein Bewusstsein für die folgenreiche Verschiebung der Kräfte, die auf der Erde in den vergangenen Jahrhunderten passiert ist. Der Mensch wurde von einem bloßen Bewohner des Planeten zu einer jenen nachhaltig verändernden Macht– zunächst, ohne dies zu wissen oder zu wollen. Wie erstaunlich dies ist, unabhängig von seinen fatalen Konsequenzen, machen Simon L. Lewis und Mark A. Maslin klar, indem sie die Geschichte der Erde von ihren 4,5 Milliarden Jahren zurückliegenden Anfängen her erzählen; überträgt man diese Zeit auf die Dauer eines Tages, erscheint der Mensch bekanntermaßen in den letzten vier Sekunden. Die britischen Wissenschaftler zeichnen sehr lesbar die zivilisatorische Entwicklung unserer Spezies nach, die uns zuletzt ins Zeitalter der Klimakonferenzen gebracht hat. Das Anthropozän, so ihr hoffnungsvoller Ausblick, muss keine Erdepoche der Zerstörung und des Artensterbens werden: Der Mensch hat so viel gelernt – er könnte auch lernen, mit seinem Zuhause achtsam umzugehen.

Losing Earth, Nathaniel Rich, Rowohlt 2019
Dass die Menschheit genau weiß, wie es um den Planeten steht, dass sogar alle nötigen technischen Lösungen bereitstehen, die der Erderwärmung Einhalt gebieten könnten, und trotzdem in jedem Jahr mehr Co2 in der Atmosphäre landet – das ist der eine Fakt zum Haareraufen. Ein anderer ist, wie erstaunlich lange der Zusammenhang zwischen CO2-Konzentration und Treibhauseffekt schon bekannt ist – nämlich über 150 Jahre – und wie nah die Regierungen in den 80er-Jahren einem bindenden Rahmenvertrag kamen, der den Klimawandel gestoppt hätte. Am Weißen Haus war schon eine Solaranlage installiert, George Bush Senior machte Klimaschutz zum Wahlkampfthema. Dann begann die Ölindustrie mit Desinformationskampagnen. Wie Nathaniel Rich detailliert rekonstruiert, wie die historische Chance verpasst wurde, warum das Abkommen am Ende doch nicht zustande kam, ist feinster und zutiefst ernüchternder Journalismus.

Wochenendhaus, Sarah Khan, Mikrotext 2019
Im findigen kleinen Verlag Mikrotext erschien im vergangenen Frühjahr Sarah Khans Wochenendhaus, die lustigste, erbarmungsloseste, lakonischste Analyse der Sehnsucht nach dem Haus im Grünen, die mir je untergekommen ist. Auch die Berliner Autorin spürte sie, die Sehnsucht, und jetzt gehört ihr und ihrer Familie eine ehemalige Dorfschule mit riesigem Garten in der Ostprignitz. Auf knapp 100 pointierten Seiten demontiert sie genussvoll jede romantische Assoziation, die sich bei den Worten einstellen könnte. Am Ende weiß man: Glück ist, wenn die Grube mal wieder nicht übergelaufen ist und man es schafft, dass die Brombeere den Garten nicht bis zur vollständigen Verdunklung übernimmt. Und das traurigste Wochenende trotz allem das, an dem man es nicht raus schafft.

1984, George Orwell, Ullstein Verlag 2016
Nachdem mich die viel gelobten Zeuginnen von Margaret Atwood merkwürdig unberührt zurückgelassen hatten – was aber vermutlich damit zu tun hat, dass ich Teil eins nicht kenne – beschloss ich, eine andere Dystopie endlich einmal zu lesen: George Orwells 1984. Ein Buch von solcher Düsternis, dass man auch 70 Jahre später froh ist, dass der todkranke George Orwell seine Schwester dabeihatte, als er es in der Abgeschiedenheit einer schottischen Insel schrieb. Dass es auch heute noch eine solche Kraft hat, liegt zum einen am verblüffenden Wiedererkennungswert von Details aus dem Alltag des Orwellschen Überwachungsstaats: Geräte, die mithören und Informationen über ihre Besitzer sammeln, das kommt uns doch sehr bekannt vor. Das nachträgliche Umschreiben von Ereignissen, die sich nicht im Sinne der totalitären Regierung zutrugen – kennen wir auch, das heißt heute „alternative facts“. Die eigentliche Wucht des Romans liegt aber darin, dass er zeigt, was bleibt, wenn Menschen alles genommen wird, die Sprache, die Liebe, die Kunst: abgrundtiefe Hoffnungslosigkeit.

David Rothenberg
Musician, Composer and Author


Lost Children Archive, Valeria Luiselli, Penguin 2019
I’m a nonfiction writer, but mostly I read fiction, maybe too often novels about people like me. Do I need to examine why? Even so, I was surprised to find such a beautiful and celebrated novel about not one but two field recordists, a married couple, working through their relationship, traveling across the country with their two children. One is an audio documentary producer, the other more of a creative sound artist. And there are more children, the lost ones, deep down at the Border. This book and its author have been justly celebrated this past year. Just read it.

A Life in a Poem, David Rosenberg, Shearsman Books 2019
This author and translator of ancient texts has almost the same name as me and people sometimes confuse us, even though he is older than I and a lot smarter. This memoir reveals his deep enmeshing in literature and his true passion for words and the spirit. A pithy and intense book.

The Study of Animal Languages, Lindsay Stern, Penguin 2019
All right, this novel divides my favorite concerns into two people, a married couple, one a birdsong scientist ready to make the leap to direct consideration of animal intelligence, and her husband a suffering philosopher. All hell breaks loose as the family struggles. Brilliant, erudite, suprising, a book I wish I could have written. Instead I lived it.

The Red Caddy: Into the Unknown with Edward Abbey, Charles Bowden, University of Texas Press 2018
Ah, Chuck Bowden, we lost you too soon. One by one his unpublished works are appearing, this one a reckoning on his friend and mentor Ed Abbey, the cranky old author of Desert Solitaire and raconteur of the desert and its destruction. Bowden blended Abbey’s love of nature with a hallucinatory addiction to the darkest kinds of human desires, some kind of sun-baked William Burroughs slinking back and forth across the Border. Here he drives Abbey’s famous red Cadillac out to the old man’s secret grave, and wonders how much he ever understood of Abbey’s Road. “Take the other,” Cactus Ed would say.

The Volunteer, Salvatore Scibona, Penguin 2019
A haunting novel about three generations of men fighting in wars, each of them not quite aware who they really are while we, the readers, know exactly their histories which they are never told. A rare blending of masculinity and sensitivity, this story wouldn’t leave me when I was done. That’s the highest complement I can have for a book.

Felicity Mangan
Sound Artist and Composer


Bug Music – How Insects Gave Us Rhythm and Noise, David Rothenberg, Saint Martin’s Press 2014
I couldn’t believe after making music with insect recordings for a decade I had only read this book for the first time in 2019. I’d have to say it’s my favourite of the Rothenburg books. A very dense, inspiring and informative book on insect sounds and also their influence on music.

Soul Hunters – Hunting, Animism and Personhood among the Siberian Yukaghirs, Rane Willerslev, University of California Press 2007
This is a very interesting read about an indigenous group called the Yukaghirs from northeastern Siberia – their perspective on animism, spiritual beliefs, holistic hunting practice. I was particularly intrigued to read how the hunter would become like the animal, though mimicking the animal’s actions and wearing a coat made from animal fur while hunting.

Arts Education Beyond Art – Teaching Art in Times of Change, Barend van Heusden & Pascal Gielen (eds.), Valiz 2015
A great discussion and debate on the importance of updating arts education. Moving away from an emphasis on technical skills and artifacts and more towards responding to the every day through process, experiential and concept-driven art education. A very inspiring read as an art educator.

Spectres – Composing Listening, Shelter Press 2019
A very nice ‚reflective‘ publication and read, that gives an insight into several artists working with the sound medium, who happens to practice or refer to concrete music – which genre you can read about in the first pages of the book. Shelter Press is such a great label/publisher that celebrates the work of artists through different formats, including books and vinyl, which l am very grateful for having a former duo project, Native Instrument, in their catalogue.

Darwin comes to town – How the Urban Jungle Drives Evolution, Menno Schilthuizen, Picador 2018
A quirky book about animals existing and adapting to urban environments. I really enjoyed the humour and anecdotal references by the author, of animals he has witnessed in an ‘Urban Jungle’.

Alexandra Balona
Researcher and Curator


Lose Your Mother: A Journey Along the Atlantic Slave Route, Saidiya Hartman, Farrar, Straus and Giroux 2008

Documentário, Amílcar Cabral, Cotovia 2008

Black and Blur. Consent not to be a single being, Fred Moten, Duke University Press 2017

Monstrous Intimacies. Making Post-Slavery Subjects, Christina Sharpe, Duke University Press 2010

In the Wake. On Blackness and Being, Christina Sharpe, Duke University Press 2016


Towards a Global Idea of Race, Denise Ferreira da Silva, University of Minnesota Press 2007

Sofia Lemos
Researcher, Writer and Curator


Carceral Capitalism
, Jackie Wang, Verso Books 2018

States of the Body Produced by Love, Nisha Ramayya, Ignota 2019

Sonic Possible Worlds, Salomé Voegelin, Bloomsbury 2014

Wayward Lives, Saidiya Hartmann, W. W. Norton & Company 2019

A Billion Black Anthropocenes or None, Kathryn Yusoff, University Of Minnesota Press 2018


Mareike Vennen
Kulturwissenschaftlerin und Autorin


Korallen – Ein Porträt, Jutta Person, Matthes & Seitz Berlin 2019

Ländliche Verheißung. Gemeinsam Leben und Arbeiten rund um Berlin, Mathias Burke, Eleonore Harmel, Leon Jank, Sabeth Kerkhoff, Ruby Press 2019

Tiergarten, Landscape of Transgression: This Obscure Object of Desire, Sandra Bartoli , Jörg Stollmann (Hg.), Park Books 2019

Pollerforschung, Helmut Höge, ADOCS Verlag 2018

Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus, Anna Lowenhaupt Tsing, Matthes & Seitz Berlin 2018

Der symbiotische Planet oder Wie die Evolution wirklich verlief, Lynn Margulis, Westend 2018

Fische, Helmut Höge, Verlag Peter Engstler 2016

Wilde Tiere in der Großstadt, Cord Riechelmann, Nicolai Verlag 2004


Silke Förschler
Kunsthistorikerin und Herausgeberin


Löwenbaby, Christina Wessely, Matthes & Seitz 2019
Ausgehend von einer Fotografie, die die Autorin als Kind, ihren Vater und ein Löwenbaby zeigt und die prominent und unverrückbar im Wohnzimmer ihrer Großmutter platziert war, nimmt uns die Autorin mit auf die Suche nach einer kulturhistorischen Erläuterung der Praktik des „Ereignisfotos“ von Löwenbaby und Menschenkind. Derartige Fotografien entstanden bis um die 2000er Jahre in Zoos und Safariparks. Raubkatzen als niedliche Wollknäule in räumlich engem Kontakt mit kleinen und großen Kindern stehen in dieser Zeit für eine liebevolle Tier-Mensch-Beziehung und für einen zukunftsträchtigen Umgang mit der Natur. Dass damit sowohl Kolonialgeschichte als auch NS-Geschichte verdrängt wird gehört ebenso zu den Aha-Erlebnissen der Lektüre wie Wesselys Befund dass der heutige Umgang mit exotischen Tieren in Zoos von Distanz und behutsamer Entdeckung geprägt ist. Zoos wollen auf diese Weise Gegenorte zur sonst üblichen Ausbeutung der Natur bilden. Eine erhellende und kurzweilige Lektüre.

Nach dem Gedächtnis, Maria Stepanova, Suhrkamp 2018
Wie können wir uns anhand von Dingen, von Briefen und mit Fotografien erinnern? Wie können wir mit familiären Hinterlassenschaften Geschichte und Geschichten erzählen? Stepanovas Ausgangsbefund ist die relative Ereignislosigkeit ihrer Familiengeschichte. Nichts desto trotz entfaltet sie anhand von privaten und erinnerten Dingen ein Tableau sowohl ihrer russisch-jüdischen Familie als auch des 20. Jahrhunderts. Indem sie alle ihre Fundstücke behutsam in zeitgenössische Literatur, Philosophie oder Stadtgeschichte einbettet oder mit Theorien in Verbindung bringt erschafft sie einen Rahmen, der zugleich faßt wie auch den Horizont erweitert. Derart entsteht nicht nur eine Reflexion wie Erinnern anhand von Dingen überhaupt möglich ist, sondern auch eine Anleitung wie Geschichte in Verbindung mit Dingen, beispielsweise in Ausstellungen geschrieben werden kann. Mit der beeindruckenden Fülle ihrer Ausführungen regt das Buch zur Reflexion über die eigene Familiengeschichtsschreibung ebenso an wie über Arrangements von Dingen im kollektiven Gedächtnis.

Das ist Wasser. Eine Anstiftung zum Denken, David Foster Wallace, KiWi 2012
2019 schenkte ich meinem gerade volljährig gewordenen Patenkind Julian dieses Buch. Es war so schön zu sehen, wie Wallaces einzige Rede, die er im Jahre 2005 vor dem Abschlussjahrgang des Kenyon Colleges hielt, so viele Fragen, die Julian quälten, beantwortete. Wallaces Anregungen nichts für selbstverständlich zu halten, seine Beispiele, wie das eigene Denken in Bahnen gelenkt werden kann sowie seine Aufforderung, selbst zu entscheiden, wie wir aus Erfahrungen Sinn konstruieren, sind großartige Brücken für einen generationsübergreifenden Austausch. Letztlich macht das Buch anschaulich was Freiheit ist und wie wir frei leben können. Zudem trifft Wallace in seiner Rede einen Ton den sich Ältere für die Vermittlung ihrer Erfahrungen an Jüngere als großartiges Beispiel nehmen können.

Chiara Garbellotto
Researcher and Cultural Anthropologist


Three Tales of the Unexpected, Roald Dahl, Reclam 2014
I love Roald Dahl – and Quentin Blake, the illustrator of his books, too – since I was a child and I’ve found this small collections of his stories in a second hand shop. „William and Mary“, „The WIsh“ and „Pig“ are three piercing crystals of dark and ghastly humor that through an incredibly witty writing convey a thick impression of the mechanisms of male gaze, childhood fantasy and vegetarianism.

Die Übertragung, Emanuele Fior, Avant Verlag 2013
This science fiction graphic novel brings together themes of generational change and alternative models for common living and relation making on the background of provincial life in north-east Italy. I found particularly bittersweet how the two main characters – a middle age doctor and a young woman, the founder of the Modern Telepathic Thinking – listen to their own emotions and intuitions differently and how differently free they are to embrace another kind of happiness than the one they were used to aim for. The black and grey plates are very poetic and the pencil-style lines and shadows are so charged with the suppressed emotions of the story, a great contrast with the geometric patterns that recur in connection to the „visions“. Also, the members of the New Convention rock great hair styles.

The Left Hand of Darkness, Ursula Le Guin, Gollancz 2018
My first Le Guin book. If you miss the heart warming feeling of hours spent reading stories up on a tree or on the green grass, when you didn’t have to worry about when to stop and you would have played the role of your favourite character for months ahead, this is your book. From one of my dog-ears: „Mindspeech was the only thing I had to give to Estraven, out of all my civilization, my alien reality in which he was so profoundly interested. I could talk and describe endlessly; but that was all I had to give. Indeed it may be the only important thing we have to give to Winter.“.

Bello qui, non è vero? Fotografie di Luigi Ghirri, Contrasto 2008
A photography book that works like a sort of brain massage. Italian photographer whose work is at the same time a metaphysic and phenomenology of Italian landscape. His Kodachrome colours materialise a „familiar“ imaginary, I bet also for those who have never been in those places. An excerpt from one of the included texts: „Maybe, in the end, the places, the objects, the things or the faces encountered by chance simply wait for someone to look at them, recognize them, without disregarding and relegating them in the shelfs of the endless supermarket of exteriority. Maybe these places belong more to our existance than to modernity and not only to the deserts or the desolate lands. They wait maybe for new words or new illustrations, because the ones we already know are too worn out and because many were not only alterations of the landscape, but also changes in the mode of living. It seems to me to read in all this, most of all, a sort of state of necessity to make sure that the landscape we are talking about will transform and won’t remain place of no story and no geography.“ Modena, February 26 1986

Hanna Mattes
Visual Artist


In the very beginning of the year 2019, I helped my friends Sophie and Etienne build a giant bookshelf for their library. It is about 6m high and 4m wide and holds hundreds of books. It took them months to assemble the wood, sand and paint it and it took 6 of us a whole night to put the construction up on the wall. It is now one of the most beautiful private libraries I know. After the work was done, I asked both my friends which book of the hundreds they would recommend me to read right now. Etienne pulled out The Overstory by Richard Powers. Sophie pulled out Paradise Rot, musician Jenny Hval’s debut as a writer. This is how my reading year began and I am proud to recommend the same in this context.

The Overstory, Richard Powers, W. W. Norton & Company 2018
The Overstory by Richard Powers is a novel about trees and humans. Humans and their connections to trees and trees and their connections to humans. The first part consists of short stories – each about one specific tree and one specific human. The second part brings some of those humans and trees together. The third part eventually narrows down to one story that creates a loop to the very beginning of the book. Powers leads us from the many to the few to the one and thus we understand that all are one and one is all. It’s circular reading: It goes on and on and on in a loop that the reader decides when (or is their no such thing as time?) to stop. I gifted this book already four times this year.

Paradise Rot, Jenny Hval, Verso Books 2018
In Jenny Hval’s novel Paradise Rot, plants also play a central role, but in a very different way. Here they are a central motif to reveal one young woman’s emotions on her quest to find love and discover her own sexuality. The book is short and reads very quickly. Nonetheless, I found myself completely absorbed in the heroin’s world. Sometimes, I looked up from reading and was surprised to find myself in my own room, on my own couch. I didn’t necessarily identify with her, but the language is so strong and poetic that it transported me into a different mindset. I also appreciated that while this book is about a woman’s life and her sexuality, it reads very non-binary, non-hetero-normative. It’s a story of our times.

Nada Brahma – die Welt ist Klang, Joachim Ernst Berendt, Suhrkamp 2007
Jean of Zabriskie Buchladen pointed out another book that I would like to recommend here: Nada Brahma – Die Welt ist Klang by Joachim E. Behrendt. Admittedly, while I am writing this, I am about half way through the book. So my recommendation here is partial. Joachim Behrendt is a jazz musician and critic, who brings together science and esotericism to explain not only how everything vibrates but that this vibration is always harmonious sound, too. The planets of our solar system for example have a distance towards each other that can be read as a third, a fifth, etc. Thus they create an harmonious chord. The same is true on the micro level, the atoms and smallest elements. I am now at a point in the book where he talks about time and space and for the first time, I really understand how time can be seen as a spatial entity. It freaks me out and inspires me. I like his less scientific approach and I agree on many of his opinions on science but I am also reading it with a little bit of reservation towards his esoteric worldview. Still, it’s been a long time since I’ve kept a pencil so close to a book. Almost every page has something that I find worth underlining with it.

Lieben, Karl Ove Knausgard, Luchterhand 2012
I like novels. This year, it was also time to read Lieben, the second part of Karl Ove Knausgard’s six-part biography. I’ve seen many people roll their eyes, when I tell them that I am reading it. They mostly have not read it. And I understand. I also hesitate to read those books that are high on the bestseller lists. But for the second time (after Sterben), I am shocked how his style and his words get to me. It is hard to believe how someone can be so brutally honest about his or her own life and at the same time so universal. I find myself thinking about my own life and it’s irks and twirls. I don’t love it but I like it a lot. And so I am reading one part each year. Four more years to go.

The books that still want to be read this year are: Glossy, Johannes Einfalt; Venezianische Vignetten, Cees Noteboom; Summa Technologiae, Stanislav Lem; Lavinia, Ursula Le Guin; Testo Junkie, Paul B. Preciado. Let’s see how far I get.

Sina Ribak
Researcher for Ecologies and the Arts


Field to Palette – Dialogues on Soil and Art in the Anthropocene, Alexandra R. Toland, Gerd Wessolek, Jay Stratton Noller (eds.), CRC Press 2019
Patterns and colours of soil profiles look beautiful to me. Over millions of years – long before we humans even lived on our planet earth – soil is forming. For long I have this fascination with deep time and had good reasons to study soil conservation. However, before reading Field to Palette – Dialogues on Soil and Art in the Anthropocene – a book almost the size of an adobe brick – it did not occur to me, in what extend the arts and soils are intertwined. Artists use(d) mineral pigments of course. The fact that Renaissance landscape painters studied soil features in their art works long before soil sciences came to existence, strickes me. Again and again, opening Field to Palette I dig into one of the many soil episodes gathered by the multidisciplinary editor team. Art & science projects from around the world illustrate the manifold ways we are connected to soil. The stories inspire me to look more closely to the ground and its diverse ecological, social and cultural layers. And to engage in more conversations around and with soils in 2020. A sound way to find ways of living in the Anthropocene.

Symbiotic Planet: A New Look at Evolution, Lynn Margulis, Basic Books 1999
Reading together with Eva-Fiore Kovacovsky at ‚Between Us and Nature’ –A Reading Club, our discovery of 2019 is Lynn Margulis’ work: “[…] note that you, yourself, were once a single cell: the fertilized egg, the zygote, that reproduced by division to become an embryo in your mother’s womb. […]If in nine months a single fertile egg can become a human, albeit a pudgy defenceless, and uncoordinated one, is it not easily conceivable that all life-forms today arose from a single bacterium over 3,000 million years ago?” With her research in the early 60s-70s, Margulis revolutionised evolutionary biology. ‘Symbiotic Planet’ was first published in 1998 – the year I graduated from high school. Why is this knowledge more than 20 years later not yet taught in our curricula? In a way, Margulis also gives an answer to that, describing how academic silos are blocking scientific knowledge production. I am inspired by her own story as a woman researcher who had to fight for her academic recognition for a long time – both for her ideas and for her gender. She did not fight in vain: ‘Symbiotic Planet’ is out there for us to read and to relate to. She proves that the cells we are made of – and any cells, life forms and the living Earth itself – , are based on symbiotic relations of different kinds of bacteria. She proves (Neo)Darwinian writings based on competition (and conflict and war) wrong. Over the years, my affinity to collect symbiotic stories was rather loose. Now, reading ‘Symbiotic Planet’ it all starts to make sense: Symbiosis, meaning different species cooperating and living together, gives origin to evolution. It is a feeling of an enormous relief that this woman scientist confirms a worldview of symbiosis and cooperation. A feeling of coming home and groundedness. A place from where to keep working towards a social and ecological transformation.

Tidalectics – Imagining an oceanic worldview through art and science, Stefanie Hessler (ed.), The MIT Press 2018
Tidaletics’ gathers essays from around the globe. Personally, ‘Orang Suku Laut Seascape’ by Cynthia Chou sucked me in most, making alive memories travelling by boat around Indonesia at day and night. Images and feelings from diving under sea emerged. Lorena handed me this art and science book as an answer to my quest of texts linking the dilemma of our burning forests to the importance of oceans. To offer an oceanic worldview is a wonderful present.

The Mother of All Questions – Further Feminisms, Rebecca Solnit, Granta 2017
This is the book that raised most discussion while reading together aloud some of the essays of this collection. To me, it entirely does hold up to its title. Have you read it? Let me know, because language is tricky and I still am looking for even better terms than further feminisms – especially in regards to ecofeminism.

Lorena Carràs
Mitbetreiberin des Zabriskie Buchladens


Ökologisch sein, Timothy Morton, Matthes & Seitz Berlin 2019
Timothy Morton ist Philosoph und Originator des Konzepts der Dunklen Ökologie (Dark Ecology), und zeigt in seinem neuesten Buch, wie wir unser Verhältnis zu unserer Umgebung erneuern müssen. Seit dem Neolithikum, der Einführung der Landwirtschaft und der Begründung der theistischen Religionen, gibt es eine Spaltung zwischen dem Menschen und dem Nicht-Menschlichen, die wir wieder aufheben müssen. Der Ansicht, dass der Mensch der Mittelpunkt aller Dinge ist, gilt es den Rücken zu kehren. In Ökologisch sein argumentiert Morton, dass alle Lebensformen in einem weiten Netz von Verbindungen miteinander in Beziehung stehen, das alle Aspekte des Lebens durchdringt. Alles ist miteinander verbunden, und es gibt kein alles bestimmendes Zentrum. Wenn wir diese Verbundenheit denken, dann denken wir ökologisch. Referenzen sind für Morton u.a. Star Wars, die Talking Heads, Blade Runner, und deutsche Philosophen.

Emergence Magazine Issue 1, Emmanuel Vaughan-Lee, Deanna Quinn, Bethany Ritz (Eds.), 2019
Emergence ist eine wahre Magazin-Perle. Es wurde 2018 als Online-Magazin gestartet und 2019 erschien dann die erste wunderschön gestaltete Printausgabe. Die Aufmachung ist eine Ode an die Kunst des gedruckten Wortes und ist darüber hinaus interdisziplinär und multimedial: Essay, Lyrik, Fotografie und Zeichnung kommen in der Printausgabe zusammen, in der Onlineversion gibt es darüber hinaus sehr informatives Videomaterial und Audiokommentare. Viele der Autor*innen oder Künstler*innen, die auch in unserer Buchhandlung zu finden sind, haben für Emergence geschrieben oder gestaltet, wie z.B. Robin Wall Kimmerer, Katie Holten, Paul Kingsnorth oder David Abram. Das Emergence Magazine sucht nach Geschichten, die die Verbindungen zwischen Ökologie, Kultur und Spiritualität sichtbar machen. Aus dem Lateinischen emergere – hervorbringen oder ans Licht bringen – bietet Emergence einen Raum, in dem unbekanntere Geschichten ihren Weg an die Oberfläche finden.

Tidalectics – Imagining an oceanic worldview through art and science, Stefanie Hessler (ed.), The MIT Press 2018
Der Neologismus Tidalectics formuliert ein ozeanisches Weltbild, eine andere Art der Auseinandersetzung mit den Ozeanen und der Welt, die wir bewohnen. Bei der Reise durch die Tuamotus-Inseln stieß die Herausgeberin und Kuratorin Stefanie Kessler auf die Schriften des barbadischen Dichters und Historikers Kamau Brathwaite. Brathwaites Poesie beschreibt nicht nur die zyklische Bewegung des Meeres, sondern ruft sie auch hervor. Diese Reise bildete den Grundstein für eine Ausstellung und gab dem Buch seinen Namen. In Essays, Forschungsarbeiten und Kunstprojekten befassen sich Autor*innen und Künstler*innen wie Rachel Carson, Elizabeth de Loughreys, Elizabeth A. Povinelle, Chus Martínez und Nabil Ahmed mit unserem am meisten bedrohten Ökosystem: den Ozeanen und den mit ihnen verbundenen Gemeinschaften. Es geht thematisch zB um Hurrikane, um die Folgen des ökologischen Imperialismus und um die Trennung von Natur und Kultur in der westlichen Zivilisation.

Bicycle Day, Brian Blomerth, Anthology 2019
Brian Blomerths Graphic Novel Bicycle Day erzählt die Geschichte des psychedelischen Fahrradausflugs, den der Schweizer Chemiker Albert Hofmann am 19. April 1943 nach dem ersten unbeabsichtigten Kontakt mit der Substanz LSD machte – der erste Acid-Trip der Welt. Die Bilder spiegeln die „kaleidoskopische Kaskade von Visionen [wider], die sich hinter [Hofmanns] geschlossenen Augenlidern“ bei diesem ersten Acid-Test drängen. Blomerth übersetzt diese Visionen in detaillierte, an frühe Disney-Cartoons erinnernde Grafiken, in die er Einflüsse von Pop Art bis Graffiti integriert.

Jean-Marie Dhur
Mitbetreiber des
Zabriskie Buchladens


Braiding Sweetgrass – Indigenous Wisdom, Scientific Knowledge and the Teachings of Plants, Robin Wall Kimmerer, Milkweed Editions 2014
Der Titel von Robin Wall Kimmerers Buch bezieht sich auf eine Tradition der Potawatomi Nation, die Stängel des Büffelgrases (in der Potawatomi-Sprache „wiinggaashk“: „das süss duftende Haar von Mutter Erde“) zu Zöpfen zu flechten, um dieser laut Überlieferung ältesten und heiligen Pflanze Ehre zu erweisen. Kimmerer regt uns dazu an, wie die Potawatomi in eine auf Gegenseitigkeit beruhende Beziehung mit unserer Umwelt, mit Menschen, Pflanzen, Tieren, Steinen, Flüssen, Wolken, zu treten, da alles miteinander verflochten ist. Kimmerer ist Botanikerin, aber sieht in den Pflanzen nicht wissenschaftliche Objekte, sondern Wesen, die sehr viel länger als wir selbst auf der Erde existieren und mehr Zeit hatten, kluge Taktiken der Überlebens zu entwickeln: wir können auf vielen Ebenen von den Pflanzen lernen – und da sie unsere wichtigsten Ernährerinnen sind, sollten wir dafür sorgen, dass ihre Vielfalt erhalten bleibt – durch den Stop von Verschmutzung und Abholzung, und einen respektvollen Umgang mit ihnen.

Underland – A Deep Time Journey, Robert Macfarlane, Hamish Hamilton 2019
Robert Macfarlane hat sich für dieses Buch in die unterirdischen Sphären gegraben. Höhlensysteme, Katakomben, Salzstollen, tief im Erdboden versteckte Räume, die physikalischen Experimenten dienen, Gletscherspalten, Eingänge in mystische Unterwelten, unterirdische Flüsse und Seen, subterrestrische Gräber, Friedhöfe und Städte. Dazu jede Menge hochinteressante literarische, mythologische, legendenhafte Verweise und abenteuerliche eigene Exkursionen in eine meist dunkle oder zwielichtige Welt, die zwar direkt unter unseren Schuhsohlen anfängt, über die wir aber nur sehr wenig wissen.

The Analog Sea Review – An Offline Journal, Number Two, Jonathan Simons (ed.), Analog Sea 2019
Analog Sea ist ein Verlag, der sich fast komplett einer Online-Anwesenheit verweigert. Fast, weil: es gibt eine Webseite – aber dort stehen nur zwei Adressen, eine im Schwarzwald und eine in Texas, über die man per Brief oder Postkarte den Verlagskatalog bestellen kann. Analog Sea steht für Langsamkeit, für die Wiederbelebung der Langeweile, für Staunen, für Neugierde gegenüber der nicht-virtuellen Welt, und für die Loslösung von den vielen digitalen Abhängigkeiten. Bisher sind bei Analog Sea ein Gedichtband des Herausgebers Jonathan Simons, ein Notizbuch und zwei „Reviews“ erschienen. In Analog Sea Review – An Offline Journal – Number Two sind etwa siebzig Texte versammelt, Interviews, Gedichte, Ausschnitte aus Romanen, Essays und Zeitschriftenartikeln, die den Blick weg von den digitalen Schirmen dieser Welt auf die wahren Erstaunlichkeiten richten, wie die Aurora Borealis, Quantenphysik, Psychomagie, Einsamkeit. Die Texte sind u.a. von Peter Mettler, Nina Simone, Robert Bly, Pema Chödrön, Oliver Sacks, Sherry Turkle, Alan Watts, McKenzie Wark, Guy Debord, Thomas Merton, James Baldwin, Red Pine. Analog Sea findet ihr nicht bei Amazon, aber bald im Zabriskie. Danke an Tobias Bärmann für diesen Tip!

Pharmako/Poeia – Plant Powers, Poisons and Herbcraft, Dale Pendell, North Atlantic Books 2010
Der Dichter, Mythologe und Ethnobotaniker Dale Pendell, ein Freund Gary Snyders, ist nicht nur in Europa, sondern auch in seiner Heimat den USA nicht vielen Menschen bekannt. Obwohl er drei der beeindruckendsten Bücher über berauschende und bewußtseinsverändernde Pflanzen und deren Derivate geschrieben hat: Pharmako/Poeia (1995), Pharmako/Dynamis (2002) und Pharmako/Gnosis (2006). In dieser Trilogie hat Pendell anhand von Zitaten aus der Weltliteratur und Mythologie, von eigenen und fremden Forschungs- und Erfahrungsberichten, Lyrik, Gebrauchsanweisungen, Rezepten und chemischen Aufschlüsselungen ein erleuchtendes und kurzweiliges Kompendium zum Rausch und dessen pflanzlichen Verursachern geschrieben. Let’s take the poison path!

A Branch From the Lightning Tree – Ecstatic Myth and the Grace in Wildness, Martin Shaw, White Cloud Press 2011
Martin Shaw ist Geschichtenerzähler und Mythenerforscher und leitet in einer versteckten Ecke in Devonshire Übergangsriten, Rituale, die einem Menschen in einer Krise helfen, oder die eine/n von einem Lebensabschnitt in den nächsten hinüberleiten. In diesem Buch zeigt er, dass in Märchen, Mythen und alten Gedichten Anleitungen zum Meistern von schwierigen Situationen verborgen sind. Und diese Anweisungen können wir auch heute noch nutzen, tausend, zweitausend oder noch mehr Jahre nach dem Ursprung dieser Mythen, um uns auf unserem sich schlängelnden abenteuerlichen Lebenspfad zu orientieren.

Ebenfalls sehr empfehlenswert: Richard Kings Lark Ascending, über die Verknüpfung von Landschaft und Music auf den britischen Inseln, von Vaughan Williams bis hin zu Acid House; Susan Coopers The Dark Is Rising Sequence, eine Jugendbuch-Reihe, in der ein paar Kinder in die mysteriöse Welt von alten Legenden und Mythen geraten; Melissa Harrisons All Among the Barley, in dessen Fokus ein junges Mädchen steht, das in den 1930er Jahren auf einem Bauernhof in Suffolk aufwächst und in dem es um die Gefahr des Zusammenspiels von ländlicher Tradition und Faschismus geht; und Bomb Culture von Jeff Nuttall, eine sehr persönliche und aberwitzige Geschichte der englischen subkulturellen Zirkel der 60er und 70er Jahre.